Was passiert mit der comdirect im Rahmen der Verschmelzung mit der Commerzbank?

Flagship Filiale Dresden der Commerzbank
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Die comdirect steht vor der Verschmelzung mit der Commerzbank. Was bedeutet das für die Kunden der comdirect? Ich habe die Fakten zusammengetragen.

Kurz vor dem Wochenende des 20. September 2019 um 15:02 Uhr verkündete die Commerzbank Eckdaten Ihrer neuen Strategie Commerzbank 5.0, innerhalb derer die comdirect auf die Commerzbank AG verschmolzen werden soll. Diese Maßnahme ist Teil des neuen Strategieprogramms, das der Aufsichtsrat eigentlich in der Folgewoche erst noch verabschieden sollte. Die Commerzbank war allerdings rechtlich zur Veröffentlichung der Eckdaten verpflichtet, nachdem wesentliche Teile der Strategie durchsickerten und das „Handelsblatt“ diese am Freitagnachmittag, den 20. September 2019 schon veröffentlichte.

Ein Hammer! Nach fast genau 25-jährigem Bestehen (die comdirect bank wurde am 5. Dezember 1994 in Pinneberg in Schleswig-Holstein als Bank in das Handelsregister eingetragen) mit vielen Höhen und Tiefen sollte der Marktführer unter den deutschen Online-Brokern einfach so vom Markt verschwinden? Was heißt das nun für das Angebot? Was bedeutet dies für die Kunden?

Da noch keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, lassen sich nur Vermutungen anstellen bzw. vergleichbare Transaktionen, wie z.B. die Integration der Bank 24 / maxblue in die Deutsche Bank, analysieren. Am Freitag, den 20. März 2020 unterzeichneten in jedem Fall beide Institute in Frankfurt am Main den Verschmelzungsvertrag. Dieser sieht eine stufenweise Integration der comdirect in die Commerzbank vor. Inzwischen ist auch der Verschmelzungsvertrag online und kann hier abgerufen werden. In jedem Fall führt die Commerzbank als Argument an, dass es die comdirect in seiner 25-jährigen Geschichte nicht geschafft hat, zur Hausbank seiner Kunden zu werden.
Nach der rechtlichen Verschmelzung soll das Leistungsangebot der Commerzbank und der Comdirect zunächst unverändert fortgeführt werden“, erklärte das Frankfurter Geldhaus. „Im Anschluss sollen die Angebote aus beiden Banken zusammengeführt, vereinheitlicht und ausgebaut werden.
Was heißt „zusammenführen, vereinheitlichen und ausbauen“ im Detail? Ich habe mir die verschiedenen Bereiche der comdirect genauer angesehen und versucht zu analysieren und zu erahnen, was im Rahmen der Verschmelzung passiert:

1. Banking


Unter Banking fällt das Girokonto und Tagesgeldkonto. Wer beide Girokonten in den letzten Jahren verglichen hat, wird festgestellt haben, dass das Preis- und Leistungsangebot nahezu identisch ist: kostenlose Kontoführung, ApplePay, GooglePay, usw. Sogar das Werbeversprechen „100€ wenn Sie uns mögen, 50€ wenn nicht“ war 1:1 identisch. Insofern wird wahrscheinlich das Girokonto als Erstes komplett in der Commerzbank aufgehen. Ob die comdirect-Kunden neue Kontonummern bekommen, halte ich für nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Alle ehemaligen Bank 24-Kunden haben ihre Kontodaten bis heute auch behalten. Interessant dabei: Diesen Schritt hat die Deutsche Bank mit der Bank 24 vor genau 20 Jahren schon vollzogen!

Da es im Tagesgeldbereich keine Zinsen mehr gibt, dürfte auch dieses Produkt einfach zur Commerzbank überführt werden.

2. Baufinanzierung


Die comdirect hat – im Gegensatz zur Commerzbank – Baufinanzierungen nur an anderen Banken, u.a. die Commerzbank, vermittelt, d.h. nicht selber im eigenen Bestand geführt. Dieses Geschäft ist zwar lukrativ, da für jede vermittelte Baufinanzierung eine Provision verdient wird, allerdings ist es deutlich lukrativer, Kredite selber als Bank zu vergeben. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Vermittlung von Baufinanzierungen zugunsten des eigenen Commerzbank-Angebots eingestellt werden wird.

Für Bestandskunden würde sich hierbei aber nichts ändern, da die Darlehensbeziehung zur kreditgebenden Bank besteht und nicht zur comdirect.

3. Ratenkredite


Ratenkredite konnten bisher nur comdirect Kunden abschließen, die ebenfalls ein Girokonto führen. Für andere Kunden stand dieses Produkt nicht zur Verfügung. Insofern werden die existierenden Kredite sehr wahrscheinlich ebenfalls einfach zur Commerzbank überführt und laufen bis zur Endfälligkeit einfach weiter.

4. Robo Advisory cominvest


Der comdirect Robo Advisor cominvest könnte sicherlich eines der absoluten Gewinner-Produkte im Zuge der Verschmelzung werden, da die Commerzbank keinen eigenen Robo Advisor im Portfolio hat. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass dieses Produkt erhalten bleibt und zukünftig allen Commerzbank-Kunden angeboten wird – heute wird es nur online-affinen Kunden von der Commerzbank angeboten. cominvest gehört mit zu den Top-Robo Advisors in Deutschland. 2002 wurde die Marke „cominvest“ übrigens von der Commerzbank für die hauseigene Fondsgesellschaft eingeführt, die dann 2009 an die Allianz verkauft wurde. Aber der gute Markenname verblieb bei der Commerzbank.

5. Brokerage


Die comdirect gehört mit ca. 1,65 Mio. Depots mit zu den Top-Brokerage Anbietern in Deutschland. Auch funktional bietet sie ein sehr breites Leistungsspektrum an. Nichtsdestotrotz gibt es wenig Leistungen, die die Commerzbank nicht ebenfalls im Angebot hat, da die comdirect auf den Systemen der Commerzbank aufgesetzt ist.

Die große Frage ist nun, ob die Commerzbank zukünftig im harten Wettbewerb der Online-Banken und -Broker mitkämpfen will oder ob sie nicht eher ihr eigenes Brokerage-Angebot mit den comdirect-Services komplettiert und anschließend den rund 11 Mio. Endkunden anbietet.

Allein die Tatsache, dass die Commerzbank ihr gesamtes Zertifikategeschäft (Geschäftsbereich „Equity Markets & Commodities“) an die Société Générale verkauft hat, zeigt dass strukturierte Produkte kaum noch eine Rolle spielen. In den Commerzbank Filialen wurde der Zertifikate-Vertrieb schon lange verbannt. Und da braucht es zukünftig bspw. auch keine Premium-Partnerschaft für diese Produkte mit z.B. Morgan Stanley. Es könnte auch sein, dass die Commerzbank an der einen oder anderen Stelle (moderat) die Preise anheben wird. Insbesondere bei der aktuell noch in weiten Teilen kostenfreien Depotführung halte ich dies für sehr wahrscheinlich.

Fazit


Für comdirect Depot-Kunden macht es Sinn, sich heute schon über eine mögliche Alternative Gedanken zu machen. Insbesondere für die Kunden, die Hebelprodukte über die comdirect handeln oder ihre Wertpapiergeschäfte komfortabel über das comdirect-Girokonto abwickeln oder für Sparplankunden ist es wichtig, hier frühzeitig eine vergleichbare Alternative zu finden. Wer sich jetzt schon mit einem neuen Anbieter vertraut macht, kann anschließend in Ruhe abwarten und dann langsam die genutzten Produkte umlegen.

Für diese Kundengruppen kommen am ehesten die Universalbanken Consorsbank oder ING als Alternative in Frage. In einem anderen Artikel habe ich die Angebote der beiden mit dem der comdirect im Detail verglichen. Für aktive Zertifikate-Trader kann sich auch ein 0€-Broker wie bspw. justTRADE lohnen. Die aktuellen Anbieter haben wir ebenfalls im Detail verglichen.

Update vom 5. Mai 2020
Auf der heutigen Hauptversammlung haben die Aktionäre mit rund 99,6% der Stimmen den Weg für die Verschmelzung der comdirect auf die Commerzbank freigemacht. Die verbliebenen Minderheitsaktionäre werden mittels Barabfindung in Höhe von 12,75€ pro Aktie im Wege eines Squeeze-Outs abgefunden. Damit vollzieht die Commerzbank nach 20 Jahren exakt den gleichen Strategie-Schwenk wie seinerzeit die Deutsche Bank mit der Bank 24 / maxblue.

Bildquelle: Commerzbank AG

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